Wolfszeit: Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955; Harald Jähner; rowohlt Berlin

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Ein Sachbuch, spannend und interessant wir ein hervorragender Roman

Im Untertitel stehen schon die 10 Jahre, die dem absoluten Desaster und der kompletten Vernichtung des „Deutschen Reiches“, den „Dritten Reich“ folgten. Vom totalen Ruin bis zur Entwicklung des ‚Wirtschaftswunders‘. Vom Holocaust zu dessen fast totaler Verdrängung…

Vor welchen nicht-militärischen Problemen standen die Alliierten, wie wurden sie von den Amerikanern, Engländern und Franzosen einerseits und der Sowjetunion andererseits gelöst? Vor welchen Problemen stand zum einen die Rest-Bevölkerung im nahezu komplett zerstörten, ausgebombten Deutschland? Wie konnte der Ansturm von Abermillionen Flüchtlingen und Vertriebenen bewältigt werden. Ohne intakte Häuser, ohne Wohnungen, ohne herkömmliche, gewohnte Versorgung mit Lebensmitteln, ohne grossartige Möglichkeit, im Winter zu heizen? Ohne eine Vielzahl arbeitsfähiger Männer? Denn die meisten von ihnen waren ja entweder im Krieg umgekommen, schwer verwundet und als Invaliden zurückgekommen oder in Kriegsgefangenschaft.

Wie sollte, wie konnte der Grossteil der Bevölkerung entnazifiziert, auf ein demokratisches Staatswesen vorbereitet werden? Nach welch unterschiedlichen Kriterien wurden die für das Funktionieren eines Staates notwendigen Ordnungskräfte (Polizei), Juristen (Gerichte) und Verwaltungsbeamte (Behörden) in ‚Trizonesien‘ und der ‚SBZ‘ ausgesucht?

Auch Fragen wie es zum Beispiel möglich war, dass Hans Globke, immerhin der Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger Rassegesetze und Hauptverantwortlicher für die judenfeindliche Namensänderungsverordnung in der Zeit des Nationalsozialismus sehr schnell Chef des Bundeskanzleramts unter Bundeskanzler Konrad Adenauer wurde?

Probleme über Probleme, Fragen über Fragen. Und genau so viele schlüssige Antworten, die Harald Jähner gibt. Dem Honorarprofessor für Kulturjournalismus an der Universität der Künste zu Berlin gelingt es nicht nur, diese Probleme im zerstörten Deutschland im Einzelnen aufzudecken und die teils sehr pragmatische Lösungen zu präsentieren. Es gelingt ihm ebenso, diese Antworten in einem lockeren, gut zu lesenden, aufschlussreichen und an vielen Stellen auch recht humorvollen Stil zu beschreiben.
Die verklemmte Moral der Gesellschaft, von den langen Jahren der Nazidiktatur geprägt, der Einfluss der Kirche, besonders der katholischen, wird verdeutlicht. Stichwort: die berüchtigten ‚Heime für gefallene Mädchen‘. Trotz (oder wegen?) dieser Doppel-Moral wurde der Versandhandel für ‚Artikel der Ehehygiene‘, dessen Grundstein Beate Uhse 1947 mit einer Broschüre über die Knaus-Ogino-Verhütungsmethode legte. Nach und nach ein Riesenerfolg. Mit dem es Beate Uhse gelang, sich das Startkapital zu ihren Sexshops zu verschaffen.
Währungsreform, Gründung von Zeitungen, Kunst und Kultur in Trizonesien bzw. der SBZ. Eben alles, was in den zehn Jahren wichtig war.
Das Buch ist auch gut bebildert. So dass man sich bei der Lektüre einen Eindruck der beschriebenen Zustände verschaffen kann.

Alles sehr lesenswert!

Wobei es wünschenswert ist, dass Harald Jähner im gleichen Stil, mit der gleichen Akribie die Jahre von 1955 bis 1970 unter die Lupe nimmt.

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