Der Untergang der Welt von gestern: Wien und die k.u.k. Monarchie 1911-1919; Arne Karsten; C. H. Beck

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Irgendwo zwischen zwei Stühlen…

 

So fühlt man sich während und nach der Lektüre dieses Buches.

 

Einerseits wird aus rein historischer Sicht klar, dass der Erste Weltkrieg nicht ausschliesslich durch das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand samt Gemahlin Sophie Chotek am 28. Juni 1914 verursacht wurde. Sondern dass es in den zu Österreich-Ungarn, der k.u.k Doppel-Monarchie gehörenden Gebiete auf dem Balkan schon lange gärte. Schon der erste Blick auf die doppelseitige Übersichtskarte im Inneren des Buchdeckels verdeutlicht, wie viele Länder, Ethnien, Religionen im König- und Kaiserreich zusammengefasst waren. Welche auseinanderdriftenden gesellschaftlichen Kräfte schon vor dem Tag des Attentats wirkten.

 

Alleine die Kenntnis, welche Sprachenvielfalt beim österreich-ungarischen Militärs seinerzeit herrschte, beleuchtet die Problematik: es wurde Deutsch, Ungarisch, Tschechisch, Slowakisch, Polnisch, Ruthenisch, Slovenisch, Serbisch, Kroatisch, Rumänisch, Italienisch und Ladinisch geredet.

Zitat aus dem Österreichischen Staatsarchiv: „Im Sommer 1914 waren lediglich 142 Truppenkörper einsprachig. In 162 Truppenkörpern wurden zwei Sprachen, in 24 drei Sprachen gesprochen. Es gab sogar einige Regimenter, in denen vier Sprachen verwendet wurden. Von den 142 einsprachigen Truppenkörpern waren nur 31 deutschsprachig.“

Trotz jahrelanger Forderungen der ungarischen Politik hatte Kaiser Franz Joseph die gemeinsame deutsche Kommandosprache und die Dienstsprache deutsch für alle k. u. k. Regimenter auch für jene in Ungarn nicht aufgegeben. Unabhängig von prinzipiellen Standpunkten galt es allerdings ab Kriegsbeginn für die Armeeführung den reibungslosen Ablauf der militärischen Operationen sicherzustellen. Sprachliche Dogmen wurden gelockert. Das den Tabellen beiliegende Schreiben zeigt dies deutlich. Für den dienstlichen Schriftverkehr sollte jene Sprache verwendet werden, die am zuverlässigsten die rasche und sichere Verständigung gewährleisten würde.“ Die sich daraus ergebenden Probleme sind offensichtlich. Denn zu jeder Sprache gehört natürlich eine Region, die nach einer Loslösung aus der k.u.k.-Monarchie strebte.

Arne Karsten bringt auch, ich bringe es mal salopp zum Ausdruck, die politische Hinterhältigkeit der Engländer und Italiener zur Kenntnis. Sei es die Besetzung Libyens durch die Italiener in Kenntnis und mit Billigung der Engländer, den in Italien grassierenden Irredentismus, der nicht nur die Angliederung des damals noch zum Habsburger Reich gehörenden Trentino, Triest, Süd-Tirol, als Zielsetzung hatte. Sondern auch die östliche Adria-Küste mit Kroatien, Dalmatien bis hin zu den Inseln in der Ägäis dem italienischen Königreich einverleiben wollte. Aus der Adria also eine Art italienisches Binnenmeer gestalten.

Zudem beschreibt der Autor nachvollziehbar die Wirkung der von den Staaten der Entente massiv ausgebauten (und nachweislich falschen) Propaganda. In der die Mittelmächte, insbesondere die Deutschen als wahre Tiere, als blutrünstige Bestien dargestellt wurden.

Bei all diesen Schilderungen kommt dann doch der eine oder andere Vergleich zu den aktuellen Vorgängen und Zuständen in der Weltpolitik in den Sinn.

Beispielsweise Zitat von Seite 105: „... die britische Verschlagenheit und Heimtücke… Ein Mann wie der Philosoph Arthur Kaufmann … äußerte während des Krieges die Ansicht, er würde keinen Moment zögern, England durch Knopfdruck zu versenken, gäbe es die Möglichkeit dazu.“

Oder Seite 177, es geht um die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und die Bedingungen, die in den Vertrag von Versailles geschrieben werden sollen: Schon einige Monate vor dem Bekanntwerden der Pariser Friedensbestimmungen hatte sich Schnitzler am 11. Januar 1919 entsetzt gezeigt über «die fabelhafte Ignoranz drüben [in Amerika] in geographischer und historischer Hinsicht. Das sitzt über Deutschland und Oesterreich zu Gericht – und entscheidet die Zukunft der nächsten Jahrzehnte – und damit den Verlauf der Weltgeschichte. Es ist kaum möglich in der Verachtung der Politik zu weit zu gehen; die Bosheit und Leichtfertigkeit – überall -, in allen großen – und in allen kleinen Momenten ist ungeheuerlich.»

Wie gesagt, geschrieben wurden diese Sätze 1919. Also vor 100 Jahren!! Da fallen einem augenblicklich Identitäten zu den USA, zu Venezuela, Brasilien, ganz aktuell (18.05.2019) zur FPÖ in Österreich, zum derzeit amtierenden italienischen Innenminister, zum Präsidenten der Philippinen, zu den Vorgängen in Iran, Irak, Afghanistan und was noch alles ein.

Insofern ist das Buch sehr aufschlussreich.

Der ‚zweite Stuhl‘ auf dem man bei der Lektüre sitzt, ist durch die Tatsache bedingt: der Autor zitiert unwahrscheinlich viel aus den Tagebüchern von Arthur Schnitzler und anderen. Zitiert bedeutet natürlich auch die Beibehaltung der damals geltenden Orthographie und üblichen Sprachwendungen. Was einerseits dazu verhilft, sich einen Eindruck der seinerzeitigen Einstellungen, Gedanken, Erwartungen und Enttäuschungen zu verschaffen. Wobei auch eine Art verkappter Identitäten in den Werken der angesprochenen Literaten aufgezeigt werden. Was jedoch andererseits zumindest bei mir dazu führte, diese Passagen als eine Art Literaturkurs zu empfinden.

Dennoch: wer sich für Geschichte, Politik, Ursachen für von Menschen ausgelöste Weltkatastrophen interessiert, macht mit dem Buch keinen Fehlgriff.

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