Das europäische Geschichtsbuch: Von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert; Frédéric Delouche; Klett-Cotta

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Sehr gut für einen gründlichen Überblick – aber…

 

Ganz allgemein: der Begriff ‚Taschenbuch‘ ist doch sehr geschmeichelt. Denn das Buch mit den Massen von 220 auf 270 Millimeter (Breite mal Höhe) und den 1,8 Kilogramm Gewicht sprengt die für ein Taschenbuch üblichen Dimensionen dann doch deutlich.

Was aber den Vorteil hat, dass das Buch nicht nur recht gründlichen Überblick über die geschichtlichen Entwicklungen und Fakten innerhalb Europas gibt. Sondern dass die Lektüre auf Grund der zahlreichen Farbabbildungen, Kartenausschnitten etc. zudem Spass macht. Und schon beim Durchblättern die Neugierde weckt, dieses oder jenes Kapitel in Ruhe zu lesen.

Noch vor dem eigentlichen Kapitel Nummer 1 „Von der Tundra zum Tempel“ (ca. 1.500.000 v. Chr. mit den ersten Menschen in Europa bis etwa 250 v. Chr.) gibt der Herausgeber einen Überblick über Europa als solches. Also geographische Eigenarten, die sprachliche Vielfalt, die europäischen Kulturen, die Wirtschaft und das Sozialwesen. Es werden auch einige Fragen zu ‚Europa‘ unter der blauen Flagge mit den zwölf in Kreisform angeordneten goldenen Sternen gestellt. Die nicht alle beantwortet werden (können). Aber die zumindest Gedankenanstösse sind.

In insgesamt zwölf Kapiteln werden die verschiedenen Zeitalter europäischer Geschichte behandelt. Von der bereits erwähnten Ur-Geschichte über das Römische Weltreich, das Byzantinische Reich und Abendland, das christliche Europa im Mittelalter . Renaissance, Entdeckungen und Kolonialismus bis hin zu Europas Krise mit dem Brexit, dem für die meisten vernünftigen Westeuropäer nicht nachvollziehbaren Gebaren und Verhalten diverser Ost-Europäischer Politiker.

Das Register im Anhang erleichtert die Suche nach bestimmten Informationen leider nicht sonderlich. Personen-, Sach- und Ortsregister sind bunt gemischt zusammen gefasst.

Nach meinem Verständnis ist es nur etwas bedauerlich, dass viele geschichtliche Ereignisse, die bis heute ihre Auswirkungen zeigen, wenn überhaupt dann nur kurz angeschnitten werden. Ein Beispiel für das völlige Unterschlagen eines sehr bedeutenden historischen Ereignisses ist das Sykes-Picot-Abkommen von 1926. Bei dem der britische Oberst und konservative Diplomat Mark Sykes und der französische Generalkonsul in Beirut François Georges-Picot in einem Geheimabkommen die Einflusszonen Groß-Britanniens und Frankreichs unter den Resten des durch den Ersten Weltkrieg untergegangenen Osmanischen Reiches, also im ’nahen Osten‘ unter sich aufteilten. Vermutlich mit Hilfe eines Lineals, mit dem Linien auf einer Landkarte gezogen wurden. Ohne Rücksicht auf Ethnien, Religionen, Stammeszugehörigkeiten oder ähnlichem. Die Rede ist vom heutigen Syrien, Iran, Irak, Libanon, Jordanien usw.

Um festzustellen, welche verheerenden Folgen diese Linealstriche auch heute noch haben reicht ein Blick in die aktuelle Tageszeitung.

Ebenso werden die Gründe für den Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg unterschlagen. Die in Italiens Hoffnung auf Ausdehnung des Staatsgebietes bestanden: die zu Österreich gehörenden Gebiete, die das heutige Trento, Veneto, Süd-Tirol umfassten. Ganz Istrien, die östliche Adria-Küsten des heutigen Kroatiens, Dalmatien, Albanien, die zu Griechenland gehörenden Inseln im Dodekanes (Rhodos, Kos etc.), all das sollte Italien eingegliedert werden. Was auch in einem Geheimabkommen von den Briten und Franzosen zugesichert wurde, um Italien zur Kriegserklärung gegenüber Österreich-Ungarn zu bewegen. Die Hundertausende von Toten im ‚Alpenkrieg‘, der im Bereich der Dolomiten geführt wurde, fehlt völlig. Die zwölf Schlachten am Isonzo fehlen völlig – geführt zwischen Österreich-Ungarn und Italien von 1915 bis 1917. Alleine dieser Teil der Ersten Weltkrieges forderte über 1.000.000 Opfer!

Auch die weiteren Kriegsschauplätze des 1.WK zum Beispiel in den afrikanischen Kolonien der Europäer werden nicht erwähnt.

Kurzum: für einen grossen Überblick über die ‚Europäische Geschichte‘ ist das Buch gut. Sehr gut. Auf jeden Fall deutlich besser als die meisten Schulbücher. Interessanter, Neugierde und Lust am Lesen weckend bebildert.

Wer mehr über die einzelnen Epochen wissen will, wird sich mit weiterführender, mehr ins Detail gehender Literatur versorgen.

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